Ort: Irgendwo in Bern, Datum: 11.11.2015, Zeit: 18:00 c.t.

Daniel Ziltener v/o Magnus

Heute sollen wir, einige von uns zum ersten Mal, in den Genuss eines berüchtigten Klassikers in der Zähringia kommen: dem Kanalstamm! So finden wir uns pünktlich kurz nach sechs an der vereinbarten Tramhaltestelle ein, und warten im Dunkeln auf Bilbo, der genau um viertelnach mit Plastiksäcken mit seiner "Ausrüstung" auftaucht. Er wird uns heute, wie an jedem Kanalstamm, durch die Berner Unterwelt führen. Auf dem Weg zum Eingang wird uns dann bei der ersten Verkehrsampel auch klar, warum solche Erkundungszüge sein Hobby sind: er hat eine Abneigung gegenüber der konventionellen oberirdischen Verkehrsführung. So sind wir dann auch froh, kommen wir lebendig am Schachtdeckel an.

Unter der Anleitung Bilbos stehen wir kurz darauf in einem recht geräumigen Vorraum, und ein Blick den Schacht hinunter verrät uns, wie tief wir noch hinunterklettern werden: geschätzt gute fünfzig Meter! Glücklicherweise ist das jedoch auf mehrere Leitern in einem separaten Schacht aufgeteilt. Nichtsdestotrotz ist es kein Abendspaziergang, und dass die Leitern von einer Art nasser Kalkpaste überzogen sind und es bei den untersten Leitern Grundwasser regnet, trägt zusätzlich zum Feeling bei.

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Ungefähr zwanzig Minuten dauert es, dann ist die ganze Gruppe unten angekommen. Unten bedeutet hier: am Anfang des Entlastungsstollens. Neben uns ist das Fussende der Leiter, hinter uns das untere Ende des tropfsteingeschmückten Schachts, aus dem das Wasser kommt, das uns zwischen den Füssen durchfliesst, und vor uns das, wie sich herausstellen wird, kilometerlange, schnurgerade Rohr. Nach einer kurzen Verschnauf- und Rauchpause geht es dann durch das Rohr weiter. Am Rand des Bächleins entlangzugehen stellt sich aber aufgrund der Rohrkrümmung als leicht unbequem heraus, und wir alle hätten uns wohl gewünscht, etwas höhere und dichtere Schuhe anzuziehen.

Doch eigentlich sind diese Problemchen Details. Fasziniert betrachten wir die Risse in der geschätzt etwas über 3 Meter im Durchmesser messenden Röhre, an denen sich Kalkablagerungen bilden und aus denen Wasser fliesst und an manchen Stellen hineinspritzt; und die Akkustik ist sensationell. Das 8-Sekunden-Echo, hinter dem man in einem Film einen billigen Trick vermuten würde, ist hier echt, und "Im tiefen Keller" zu singen, tönt wohl selten so überzeugend wie in einem langen, unterirdischen Schacht.

An diversen Ausgängen entlang des Stollens sehen wir kleine Schildchen mit Strassennamen, die uns immerhin ein ungefähres Bild davon geben, wo wir gerade sind. So erreichen wir dann nach einiger Zeit das Ende. Der Boden ist hier gottseidank wieder flach, dafür aber etwa 5cm unter Wasser. Wer wie ich keine Stiefel oder Kampfstiefel trägt und es trockenen Fusses bis hierhin geschafft hat, hat spätestens hier nasse Socken bekommen; dafür aber einen Blick durch den "Ausgang" der Röhre auf die Aare erhascht. Beinahe hätten wir dann das Ganze wieder zurück gemusst, denn das Ausstiegsgitter hatte ein Vorhängeschloss, und Bilbo keinen Schlüssel, es liess sich aber weit genug beiseite schieben, dass wir alle hindurchgepasst haben.

So stehen wir kurz vor acht beim Bärengraben-Parkplatz, die Stirnlampen montiert und mit leicht dreckigen Kleidern. Zum Glück ist hier um diese Zeit kaum etwas los! Nach einem kurzen Abstecher ins Verbindungshaus gesellen wir uns dann noch den Rest des Abends zu den restlichen Zähringern im Stammlokal. So voll wie heute ist es aber wohl selten: es ist der 11. November, auf dem Platz vor dem Rathaus spielen die Guggemusige, und das Restaurant ist, neben uns und unseren beiden Keilmöbeln, voller Fasnächtler. Unsere Kantus finden bald ein paar betrunkene Fans.

Wir kommen sogar noch gerade rechtzeitig, uns eine wohlverdiente Verpflegung zu bestellen. Und bekommen die letzten unserer heissgeliebten Piadine - sie wurden von der Karte gestrichen! Was Cincinnatus und ich in Zukunft am Stamm essen sollen, wird eines der grossen Rätsel dieses Semesters werden. Nichtsdestotrotz war das - schon ohne den Kanal-Teil mit einzubeziehen - der potenteste Stamm dieses Semesters. Und wie immer gilt: Wer den Kanalstamm verpasst hat, hat was verpasst! Besten Dank, Bilbo, für die Organisation und Durchführung des Anlasses!