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Daniel Ziltener v/o Magnus

Viertel nach elf, ich gehe in Richtung Restaurant Krone. Es ist dunkler als sonst, die Strassenlampen sind ausgeschaltet. Es ist der 30. April, das Maisingen der Singstudenten steht bevor, und zum ersten Mal kann ich dem Ereignis beiwohnen. Dies nach dem gerade geendeten - oder sagen wir: gestorbenen - Fachschaftsbräteln auch nicht mehr ganz nüchtern. Schlechtes Dosenbier, Knabberzeugs und laue Stimmung ist aber alles, was ich davon mitnehmen werde. Ganz im Gegensatz zum bevorstehenden zweiten Teil der Nacht - Gottseidank bin ich Couleurstudent!

 Vor dem Restaurant steigt ein bemützter Mensch, ganz offensichtlich der Fuxmajor der Singstudenten, aus den Tiefen des Kellers empor, der sich mir als Fräch vorstellt, und nach und nach treffen die Aktivitas und die zahlreichen Gäste der anderen Verbindungen ein. Besonders die Auroria ist stark vertreten, was man von der Zähringia leider nicht wirklich behaupten kann. Divina hat es aber pünktlich geschafft. Die Stimmung ist gut, die Fackeln werden verteilt und angezündet, und auch der leichte Regen tut dem keinen Abbruch. Kurz nach halb zwölf setzt sich die Gruppe in Bewegung, immer hinter der Singstudentenfahne und Neros wehendem Riesenmantel her. Auch Barbarossa, der den Busfahrplan noch nicht ganz verinnerlicht hat, steht plötzlich neben mir. Via Zytglogge und dem Casino kommen wir schliesslich vor dem Stiftsgebäude auf dem Münsterplatz zu stehen.

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Es schlägt zwölf. Und wie es Tradition ist, beginnt das Maisingen nach dem letzten Schlag mit "Der Mai ist gekommen"; eine halbe Stunde und einige schöne Lieder später sollte es, wie üblich, mit "Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust" enden, unterbrochen von einer kurzen Rede, dieses Jahr zum Thema Verantwortung. Es mag kurios erscheinen, dass ich über diese halbe Stunde so wenige Worte verliere; aber ein Musikkritiker bin ich nicht, und angesichts der anstehenden Verteilung der Maibowle - wir Zähringer Fuxen waren da, wie nicht anders zu erwarten, ganz vorne in der Warteschlange dabei - konnte ich mir auch die Liedtitel nicht merken. Schön war es auf jeden Fall, und es liess einen sogar den Regen vergessen, so dass ich erst anschliessend bemerkte, dass mein rechter Ärmel völlig durchnässt war. Barbarossa sollte sich unbedingt einen grösseren Schirm kaufen.

Mit der Bowle in der Hand ging es dann zurück in die Krone zu Weisswurst und Bier, was den Geldsäckel dann doch noch anständig belastete. Unsere gemütliche Runde mit Camillo, Sigma, Divina, Barbarossa und mir war aber bloss die Ruhe vor dem Kellersturm, denn wer will schon bei diesem Wetter angetrunken und ohne ÖV morgens um zwei den Heimweg antreten? Ganz offensichtlich teilten die Allermeisten unsere Gedanken, denn der Keller war bis auf den letzten Platz voll. Als cantusbegeisterter Fuxe hat es mir auch die Eigenheit der Singstudenten ziemlich angetan, im lauten Stammbetrieb aus dem Nichts einen vierstimmigen Blumencantus anzustrophen - der dann auch noch gut klingt!

In weiser Voraussicht um seinen Zustand besorgt, verliess Babarossa unsere Runde leider "schon" um halb vier, wohl auch nicht ganz unbeeinflusst davon, dass sich die Singstudenten das grosse Trinkhorn für einen Rundgesang füllten. Den wollte ich mir aber keinesfalls entgehen lassen. Weniger intelligent war dann aber meine Entscheidung, "Perkêo" zu wünschen, um beim ersten, kräftigen Schluck zu merken, dass sich in dem Trinkhorn keinesfalls Bier befand, sondern - oh Schreck - Maibowle! Mein Kopf sollte am nächsten Mittag beim Aufwachen meine Befürchtungen bestätigen, dass das Cumarin gute Dienste leistete...

Wie sollte es anders sein - wir liessen die Nacht in guter Stimmung mit einigen Gläsern Bier ausklingen, und als der Keller morgens um halb sieben zwangsgeräumt wurde, blickten wir etwas ungläubig in die Morgensonne auf der Gerechtigkeitsgasse. Man munkelt, so einige seien noch weitergezogen. Im Angesicht unserer anstehenden Maibowle zog ich es vor, mich im Zähringerhaus auf ein Sofa zu legen.